Unausgereifte Energieausweise

Veröffentlicht auf von Nettworker

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Der neue Energieausweis soll Mietern und Käufern von Wohnungen oder Häusern einen Überblick über die Energie-Effizienz der neuen vier Wände verschaffen, bevor sie einziehen. Leider lässt sich diese eigentlich gute Idee sehr einfach unterlaufen.

Eine plusminus-Stichprobe

Seit dem 1. Juli 2008 sind die Energieausweise in Deutschland Pflicht: Wer ein Haus oder eine Wohnung verkauft oder vermietet, muss ein solches Dokument in Händen halten. Der Markt für die im Vergleich zu den Bestandsausweisen günstigen Verbrauchsausweise boomt – vor allem im Internet. Denn noch bis zum 30. September 2008 kann ihn jedes Haus bekommen. Danach ist für viele ältere Häuser und Wohnungen der teure Bedarfsausweis Pflicht.

plusminus hat stichprobenhaft zehn Ausweise im Netz bestellt und dabei kein grünes Energiewunder erlebt.

Das Testobjekt

Grundlage für den Test bildet ein Mehrfamilienhaus in St. Ingbert bei Saarbrücken – Baujahr 1900. Der Energieberater und Architekt Reinhard Schneeweiß von der Verbraucherzentrale des Saarlandes hat sich im Auftrag von plusminus das Gebäude angeschaut. Nach seiner Meinung liegen die Hauptschwachpunkte des Hauses in der fehlenden Dämmung und der schlechten Heizung. Kein Wunder also, dass er das Gebäude bei 250 bis 280 Kilowattstunden pro Quadratmeter eingruppiert - umgerechnet in die üblichen Standardwerte für den Energieverbrauch. Dieser Wert ist typisch für unsanierte Häuser mit Baujahr 1900, aber im Vergleich zu Neubauten ist es ein sehr schlechter Wert.

Bestellung im Internet

Wer als Haus- oder Wohnungseigentümer nur auf den Cent schaut und es am liebsten billig hat, der kommt auch in Sachen Energieausweis bei den Internetanbietern auf seine Kosten. Mit 35, 27 oder gar nur 25 Euro ist man in der Regel dabei. Im ebay-Angebot gibt es zum Teil sogar schon Ausweise für unter zehn Euro. Allerdings muss man dann bereit sein, die Daten selbst einzugeben. Damit sind aber Fehler schon fast zwangsläufig – und Manipulationen ganz einfach, wie Andreas H., der Eigentümer des St. Ingberter Hauses, feststellt:

"Zum Beispiel können Daten für die Wohnfläche falsch eingegeben werden. Zahlendreher bei den Energieverbräuchen passieren schnell. Falsche Eingaben sind auch bei dem Baujahr des Wohngebäudes, beim Brenner der Heizungsanlage oder auch bei den Leerständen der Wohnung möglich."

Wie gut arbeiten die Anbieter?

Um herauszufinden, ob die Energieausweis-Anbieter solche Versehen oder Manipulationen entdecken, baut plusminus in jede Bestellung zwei Fehler ein. Einmal einen Zahlendreher beim Gas-Verbrauch: Aus einem Wert von umgerechnet 38.000 KWh werden so auf einmal 83.000 KWh. Damit liegt der Verbrauch in diesem einen Jahr um über 100 Prozent höher als in den Folgejahren. Zweiter Fehler: Das Baujahr unserer Heizung legen wir auf 1900 fest.

Diese beiden Fehler müssten eigentlich den Internetanbietern auffallen - schließlich sind die Aussteller gesetzlich verpflichtet, zu überprüfen, ob die Daten plausibel sind. Doch nur zwei Anbieter fanden es komisch, dass die Heizung über 100 Jahre alt ist und hakten nach.

Ein paar Tage später sind die Verbrauchsausweise da. Die Überraschung: Statt der geschätzten 280 Kilowattstunden verbraucht das Haus nur die Hälfte und weniger. Die Werte lagen zwischen 120 und 150 KWh. Für den Eigentümer des Hauses, Andreas H., ist klar:

"Wenn ein altes Gebäude von 1900 einen Verbrauchswert hat wie ein Mehrfamilienhaus-Neubau, dann kann ich nur sagen, dann ist der Energieausweis nichts wert und die Arbeit war umsonst."

Kein Ausweis der Stichprobe entsprach dem Gesetz

Und es kommt noch schlimmer. Der Energieberater und Architekt Reinhard Schneeweiß von der Verbraucherzentrale des Saarlandes entdeckte in den Energieausweisen weitere Fehler. Nicht nur, dass die Zahlendreher nicht korrigiert wurden - auch die Klimafaktoren waren falsch angegeben, und die Energieverbräuche wurden ohne Grund reduziert. In einem Fall entsprach der Ausweis nicht einmal den formalen Kriterien.

Von den stichprobenartig getesteten Ausweisen entsprach damit keiner den gesetzlichen Kriterien.

Verbrauchsausweis vs. Bestandsausweis

Doch auch wenn bei einem seriösen Anbieter alle Fehler entdeckt und korrigiert werden, kann es zu unerwarteten Ergebnissen beim Energieausweis kommen. Denn sparsames Verbraucherverhalten kann selbst aus einem alten Mehrfamilienhaus ein genügsames Gebäude machen, weiß Ralph Schmidt, Geschäftsführer der "Arge Solar":

"Eine Aussagekraft und Vergleichbarkeit mit anderen Gebäuden ist beim Verbrauchsenergieausweis nicht gegeben. Es spiegelt das wieder, wie das Gebäude zurzeit genutzt wird. Das kann bei einem neuen Mieter zutreffen, das kann passen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass es das nicht tut, ist sehr groß."

Fazit

Der Energieausweis nach Verbrauch ist nur gut gemeint. Konkrete und nachvollziehbare Ergebnisse liefert nur eine eingehende Energieberatung mit Bedarfsenergieausweis. Dank staatlicher Zuschüsse würde die für unser St. Ingberter Mehrfamilienhaus gerade mal rund 125 kosten. Darin enthalten sind auch konkrete Energie-Spartipps.

Außerdem wäre der Eigentümer damit auf der sichereren Seite – schließlich ist ein ungesetzlicher Ausweis eine Ordnungswidrigkeit, die mit bis zu 15.000 Euro geahndet werden kann.



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Veröffentlicht in Energie effektiv kostensparend

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